Tanne - Schweizerische Stiftung für Taubblinde

Geschichte der Taubblindenpädagogik

Helen Keller

In ihren Anfängen war die Hörsehbehindertenpädagogik durch den Namen Helen Keller geprägt. Helen Keller kam 1880 gesund in Alabama (USA) zur Welt und verlor vermutlich durch eine Hirnhautentzündung im Alter von neunzehn Monaten ihre beiden Fernsinne Hören und Sehen. Ihre Eltern beauftragten daraufhin Anne Sullivan, eine sehbehinderte Lehrerin aus der Perkins-Schule für Blinde in Massachusetts, mit Helens Förderung. Der engagierten Lehrerin gelang es, dem Mädchen ein Fingeralphabet sowie die Lautsprache beizubringen. Helen Keller absolvierte ein Universitätsstudium und vertrat nicht nur die Interessen hörsehbehinderter Menschen, sondern auch die anderer Minderheiten durch Vorträge in der ganzen Welt. Sie schrieb etliche Bücher.

Fördern durch Verhaltensmodifikation

In den 1960er und 70er Jahren, als Frauen noch nicht gegen Röteln geimpft wurden, traten in den Vereinigten Staaten und Westeuropa vermehrt Fälle von Rötelnerkrankung der Mutter in der Schwangerschaft auf. Als Folge wurden sehr viele mehrfachbehinderte Kinder mit einer Hörsehschädigung geboren. Weil diese Menschen oft auch zusätzliche körperliche und Lern-Beeinträchtigungen hatten, veränderten sich ihre Möglichkeiten und Bedürfnisse und damit auch die Ansätze ihrer Förderung und Begleitung. Kinder mit angeborener Hörsehbehinderung wurden in Sonderschulen und Behindertenheimen betreut und lernten durch Methoden der Verhaltensmodifikation, alternative Kommunikationssysteme zu nutzen.

Vom Kind geleitet

Einen entscheidenden Einfluss hatte in dieser Zeit neben dem Perkins Institut das niederländische Institut Viataal in St. Michielsgestel, an dem der Taubblindenpädagoge Jan van Dijk tätig war. Er entwickelte einen neuen taubblindenpädagogischen Ansatz, bei dem es darum ging, Fähigkeiten und Interessen des Kindes mit Hörsehbehinderung zu entdecken, um sich von diesen leiten zu lassen. Unter anderem betonte van Dijk die Wirksamkeit co-aktiver Bewegungen. Mit Hilfe sogenannter Referenzobjekte (heute: Bezugsobjekte) und individuell entwickelter Kalender wurde versucht, Informationen über den kommenden Tagesablauf oder bestimmte Aktivitäten zugänglich zu machen.

Kommunikationsförderung

In den 1990er Jahren trat die Verhaltensmodifikation in den Hintergrund und alternative, „natürlichere“ Bildungsmethoden wurden gesucht - auch in der Taubblindenpädagogik. Innerhalb von Deafblind International DbI, dem weltweiten Verband der Taubblindenpädagogik, fanden sich fünf europäische Fachleute zum DbI Communication Network zusammen. Sie beschäftigten sich mit der Frage, wie man die Kommunikationsförderung hörsehbehinderter Kinder entwicklungsgemässer gestalten könnte. Dafür studierten sie neuere entwicklungspsychologische Theorien wie die Bindungstheorie von John Bowlby, die Aktivitätstheorie von Lew Semjonowitsch Wygotski oder die Thesen zur Entwicklung des Selbst von Daniel Stern. Auf dem Hintergrund der meist unbewusst gesteuerten Prozesse der normalen Kommunikationsentwicklung formulierte die Arbeitsgruppe bewusste und gezielte Strategien zur Förderung von Kindern mit Hörsehbehinderung. Diese wurden erstmals im Buch „Co-Creating Communication“ (Nafstad & Rødbroe, 1999) beschrieben und stehen heute in einer Reihe aus vier aktualisierten Büchern auch auf Deutsch zur Verfügung (Rodbroe, I., Janssen, M., Souriau, J. 2014: Kommunikation und angeborene Taubblindheit I-IV; Edition Bentheim; ISBN: 978-3-934471-52-8).

Die weitere Entwicklung des Fachgebiets lebt von einem intensiven internationalen Austausch. Eine nach wie vor zentrale Rolle spielen dabei internationale Tagungen. Dazu gehören gerade auch die von Deafblind International DbI veranstalteten Weltkongresse. In den letzten Jahren ist zudem ein Netzwerk der deutschsprachigen und holländischen Einrichtungen entstanden, das sich bis heute insbesondere mit der Kompetenzsicherung und -entwicklung von Fachpersonen beschäftigt.

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